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Wessen Wahrheit?
1. Beliebt in aller Welt
Deutsche Luxuslimousinen, etwa von Mercedes-Benz, erfreuen sich grosser Beliebtheit unter den Hochmögenden und Hochverdienern dieser Welt - von Madrid bis Melbourne, von Marrakech bis Mumbay, von München bis Manhatten. Und auch im Moskau der Nach-Sowjet-Zeit wurden viele Millionäre zu Stammkunden der dortigen Mercedes-Niederlassung; "historische" Filmdokumente aus dieser Zeit zeigen zahlreiche Fahrzeuge der Marke auf Moskaus Strassen. Wer könnte diesen Hang zu Produkten aus Sindelfingen wohl besser verstehen als gerade wir Deutschen, denen die Freude über Exporterfolge der heimischen Autoindustrie jahrzehntelang das ersetzte, was in anderen Völkern "Nationalstolz" genannt wird? Seit den Sanktionspaketen von 2022 an müssten die dortigen Mercedes-Stammkunden allerdings von jeglichem Nachschub ihrer Lieblingsmarke abgeschnitten sein. Aber nicht jeder russische Millionär wird sich damit zufrieden geben wollen. Sicher werden sich einige davon einen Stellvertreter ausgesucht haben, der das tun kann, was einem selbst nicht mehr möglich oder nicht mehr erlaubt ist. Jener Stellvertreter wird vermutlich nicht in Neuss oder Neustadt residieren, sondern eher in Nanking oder Na-Trang. Er wird das Wunschauto "per prokura" bestellen und empfangen sowie auf irgendeinem Weg an den Endkunden weiterbefördern. Klar wird dadurch das Produkt für den Endkunden teurer, trotzdem sind am Ende zunächst einmal alle glücklich: der stellvertretende Mittelsmann (der sich über seine Provision freut), der zufriedengestellte russische Endkunde - sowie Aktionäre, Manager und Angestellte des DB-Konzerns, weil wieder ein paar Autos mehr verkauft werden konnten. Eigentlich ein Beleg für eine funktionierende Marktwirtschaft, die auch "exotische" oder exotisch gewordene Bedürfnisse zu befriedigen weiss.
2. Akronyme und Gesetze
A4E - CASM - CAAD - ISD - CAN - CCNow - NETTZ - DRI - DFRLab - DPL - EDMO - EFCSN - GADMO - GDI - IFCN - RESpect! - NewsGuard - SMC - SOMA - CCDH - HybridCoE - DSA - WHO - VLOP - dpa - AFP - TNI - CDC - PEI - RKI - WEF - AAS - DJV - SMC - CCDH - DISARM - StratCom-COE - JBC - dies sind nur einige der Akronyme, die man im neuesten Buch des Wirtschaftsjournalisten Norbert Häring kennenlernen kann. Auch hier geht es um ein Bedürfnis, welches nach den geltenden Regeln eigentlich unbefriedigt bleiben müsste.
Es ist eines, welches Regierende vermutlich schon seit babylonischen Zeiten haben: Dem oft so störrischen Volk soll am besten nur noch eine "Wahrheit" präsentiert werden, nämlich die der Herrschenden - und alle abweichenden und damit eventuell die eigene Macht infrage stellende Meinungen (und Fakten) sollen so weit wie möglich unterdrückt werden. Das gilt natürlich auch für die Herrschenden in den "liberalen Demokratien" der Nach-Weltkriegs-Zeit. Allerdings findet sich in den Verfassungen dieser Länder eine mehr oder minder klar formulierte Absage an solcherart Meinungssteuerung, überaus eindeutig etwa im deutschen Grundgesetz (Art.5):
"Eine Zensur findet nicht statt."
Und ähnlich wie die Luxusautos begehrenden Moskauer Millionäre haben auch die Regierungen der EU und der USA nach Stellvertretern gesucht, die ihnen das begehrte Gut der Meinungssteuerung liefern können, ohne selbst unter die harsche Gesetzgebung zu fallen, die den Staaten selbst Zensur untersagt. Und im 21. Jahrhundert fiel der Blick wie selbstverständlich auf "Social Media" und Internet-Suchmaschinen, die allesamt in privatem Besitz sind. Damit gilt für die entsprechenden Konzerne wie Meta oder Google "Hausrecht". So wie ein Vermieter eines Wohnblocks von dem von ihm installierten "Schwarzen Brett" im Hausflur alles entfernen kann, was ihm nicht passt, so können jene Konzerne von ihren "Plattformen" alles missliebige entfernen oder unsichtbar machen, was ihren jeweiligen "content rules" widersprechen sollte *1.
Der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring hat sich jetzt die Mühe gemacht, dieses Netzwerk aus NGO's, Behörden und EU-"Richtlinien" detailliert zu untersuchen, welches vor allem dem EU-europäischen Publikum die eine, "richtige Wahrheit" näherbringen und es gleichzeitig vor abweichenden Meinungen abschirmen ("pre-bunking") soll. Das Ergebnis ist ein sehr lesenswertes Buch *2:
Herrn Häring wurde dabei auch klar, dass die verschiedenen Initiativen des "Wahrheitskomplexes" meist um das Jahr 2014 herum gestartet wurden, und er bringt dies mit einem anderen welthistorischen Ereignis in Zusammenhang. Auf Seite 187 heisst es:
"Als Startpunkt für den systematischen Aufbau des Wahrheitskomplexes lässt sich das Jahr 2014 identifizieren. Für Kontext: Im Februar dieses Jahres wurde der ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch gewaltsam gestürzt und ausser Landes gejagt."
Der Maidan-Putsch und der damit eingeläutete, zunehmend "heisser" werdende Krieg gegen die Russische Föderation also offenbar mit ein Anlass, das bis dato allzu liberale Mediengeschehen in den Ländern des "Wertewestens" konsequent "einzuhegen" und "auf Linie" zu bringen.
(23.08.2026)
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*1 Auch hier zeigt sich wieder, dass eine gänzlich andere Grösse oder Quantität letztlich auch die Qualität ändert: Ein Hausrecht, welches im Rahmen der Meinungsäusserungen an einem "Schwarzen Brett" als unbedenklich erscheinen mag, erhält bei Plattformen wie Meta, TikTok, Instagram oder Suchmaschinen wie Google eine ganz andere Wirkungsmacht. Wenn diese je nach Land "Quasi-Monopolisten" gewisse Meinungen/Fakten "pushen" und andere nahezu unsichtbar machen, ist das ein kapitaler Angriff auf die für Demokratien so wesentliche Freiheit der Meinungsbildung. Die (alte) Frage stellt sich, ob solche Konzerne nicht mindestens zu zerschlagen wären wie die Kartelle von einst, und/oder aber gar in ganz andere Formen der Eignerschaft zu überführen wären. *2 Norbert Haering: "Der Wahrheitskomplex" - Westend Verlag ISBN 978-3-98791-352-5 |
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